Was tun, wenn man laut geworden ist

“Die besten Eltern machen 20 Fehler pro Tag.“ sagte Jesper Juul und fand das ziemlich normal. Der dänische Familientherapeut und Autor von unzähligen Büchern sollte es wissen.

Heute schreiben wir über einen Weg aus einer Situation, in die die meisten von uns schon mal geraten sein dürften und auf die wahrscheinlich keine*r von uns stolz ist: Was mache ich, nachdem ich gegenüber den Kindern laut geworden bin oder so richtig geschimpft habe?

Wir verraten Dir einen Ansatz, wie Du das Kind aus dem Brunnen holst, ohne Dich selbst hineinzuwerfen.

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Es ist passiert. Du bist aus der Haut gefahren, hast Dein*e Kind*er angebrüllt oder heftig ausgeschimpft, in einer Situation, wo es keine Gefahr zu vermeiden galt (Stichwort Straßenverkehr oder Topf mit kochendheißer Suppe). Auch wenn das Problem damit vielleicht kurzfristig “gelöst” war, klopfst Du Dir wahrscheinlich nicht gerade auf die Schulter. Und tief drinnen spürst Du, dass es mittelfristig nichts bewirkt, die Kinder anzuschreien oder auszuschimpfen, und dass es ihnen langfristig sogar schaden kann 🤷🏻.

Aber es ist passiert. Was nun? Genau wie in Beziehungen zu erwachsenen Menschen können wir auch in der Eltern-Kind-Beziehung Verantwortung für ein Verhalten übernehmen, welches wir bedauern und am liebsten gerne zurücknehmen möchten.

Eine kleine Anleitung

  1. Schick den Tiger aus dem Zimmer. Atme bewusst, trink einen Schluck Wasser, schau einen Augenblick zum Fenster raus. Es gibt gerade kein Raubtier im Zimmer, das Dich bedroht. Sondern meist nur große Emotionen und unerfüllte Bedürfnisse. Die beißen aber nicht

  2. Mach Dir klar: was immer Dein Kind getan hat, er oder sie hat es nicht gegen Dich getan. Es ist seinen Bedürfnissen gefolgt oder hatte keine bessere Strategie parat. Es mag schwer sein, diese Haltung einzunehmen.
    Wenn es Dir hilft: erinnere Dich an die Zeit, als Dein Kind sehr klein und verletzlich war. In der Beziehung zu ihren Eltern sind Kinder sehr lange, und vielleicht auch für immer, verletzlich

  3. Biete körperliche Nähe an. Setz Dich neben Dein Kind, und, wenn es das erlaubt, leg ihm die Hand auf die Schulter oder umarme es. Wenn das gar nicht geht: bleib aufmerksam und präsent in der Nähe

  4. Suche das Gespräch. Wenn sich Dein Kind in sein Zimmer verzogen hat: gib ihm Zeit und nutze die nächste Gelegenheit zum Gespräch. Kleinere Kinder sind oft schneller wieder zugänglich

  5. Schildere die Situation und zeige Empathie für die Gefühle Deines Kindes. “Du hast die Schublade aufgemacht, weil Du etwas gesucht hast, nicht wahr? Und Du warst stinksauer, weil ich Dich 5 Mal gebeten habe, sie zu schließen, statt Dir zu helfen?” Vielleicht möchte Dein Kind seine Sicht der Dinge schildern, vielleicht ist es noch nicht so weit

  6. Zeige Dich und Deine Perspektive in einfachen Worten. “Ich war gerade beim Kochen und ich wollte so schnell wie möglich das Abendessen machen. Ich war genervt, dass Du ausgerechnet in dem Moment etwas suchen musstest. Als Du dann alles aus der Schublade auf den Boden geworfen hast, war ich total wütend.”

  7. Drück Dein Bedauern aus. Entschuldige Dich für die lauten Worte gegenüber Deinem Kind “Ich wollte Dich nicht anschreien. Es ist etwas mit mir durchgegangen und es tut mir leid, dass ich so laut geworden bin.” Gib ihm Raum, darauf zu reagieren, aber versuche nicht, eine Entschuldigung seinerseits zu erzwingen

Im besten Fall ist danach oder kurze Zeit später die Beziehung wieder so weit intakt, dass ihr wieder vertrauensvoll miteinander umgehen könnt. Wenn es nicht gleich klappt: nur Mut.

Emotionale Kiste heute. Keine*r von uns will die Kinder anbrüllen oder ausschimpfen. Aber wenn es passiert, ist das wichtigste, was danach kommt.

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