Beziehung vor Erziehung

“Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht”, so ein afrikanisches Sprichwort. Auch wenn wir nicht an unseren Kindern ziehen wollen, nutzen wir trotzdem das Wort Erziehung. Wir haben einfach keine bessere Übersetzung für das schöne englische Wort “parenting” entdeckt.

Wir wollen Dich aber nicht mit Begrifflichkeiten langweilen. Heute geht es um ein Grundprinzip, das so menschlich wie hilfreich ist: Beziehung vor Erziehung.

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Ihr kennt es vielleicht? Ein Geschwisterkind piesackt das andere. Das Einzelkind flutet das Badezimmer. Wenn wir Eltern durch Zurechtweisung eingreifen (“Hör bitte auf!” “Lass ihn bitte in Frieden”), vielleicht vom Herd oder Laptop aus, dann passiert oft: Nichts 🤷🏻‍♀️

Es sind diese nervigen Situationen, die man am liebsten mit einem magischen Blick oder einem Zauberwort beenden möchte ✨. Leider haben wir das noch nicht gefunden. Aber wir haben einen Tipp, der viel bewirkt: Beziehung vor Erziehung.

Rudolf Dreikurs, Pionier des demokratisch-autoritativen Erziehungsstils, sagt, dass ein Kind, das ein für uns nerviges oder unangemessenes Verhalten an den Tag legt, nach seinen Bedürfnissen handelt. Die Grundbedürfnisse sind Verbindung und Autonomie. Gesehen und geliebt werden, und selber machen dürfen.

Der Trick für uns Eltern: Ein Kind, das spürt, dass seine Eltern ihm in Zuneigung verbunden sind, ist zugänglicher für eine gemeinsame Lösung, als wenn es Ablehnung oder vielleicht sogar Feindseligkeit spürt.

So geht Beziehung vor Erziehung.
Außerhalb von Gleich-gehe-ich-an-die-Decke-Situationen:

  • Zweisamzeit: nachzulesen hier unserem Blog (das war damals nicht ohne Grund der erste Quarantini 😉)
  • Vertrauen haben: wenn wir unseren Kindern vertrauen, dass sie eine Situation lösen werden, entwickeln sie auch Vertrauen in sich selbst. Das kann in Alltagssituationen zu tragen kommen (“Ich schenke mir mein Glas allein ein!”…”Ok, ich bin da, wenn ich helfen soll.”) und auch bei Entwicklungsschritten helfen (“Ich vertraue Dir, dass wir das auch ohne Windel hinbekommen.”)
  • Positives Verhalten benennen: statt überschwänglich zu loben, geht es darum, Hilfsbereitschaft und Zusammenarbeit anzuerkennen und zwar als beschreibendes Lob: “Danke fürs Tisch decken”, oder “Ich sehe, dass Du für Deinen Bruder aufgeräumt hast, das freut mich” (yessss, dann muss ich es nicht machen 🤟)

Strategien, wenn Du schon mitten in einer Konfliktsituation bist:

  • Gefühle spiegeln: Kinder wollen gesehen werden mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen. Zum Beispiel, wenn sie enttäuscht sind, wenn es kein Eis gibt. Es hilft, Angebote zu machen, die sie dann ggf. korrigieren: “Du bist sauer, weil es jetzt kein Eis gibt?” Heul, schluchz: “Es ist so unfair, weil DU GESAGT HAST, dass ich eins bekomme”. Ahhh! Es geht um Glaubwürdigkeit – und vielleicht um ein Missverständnis
  • Gemeinsam Lösungen finden: such einen Weg, der für beide funktioniert: “Was könnten wir jetzt machen, um die Situation zu lösen?” oder “Was glaubst Du, würde uns beiden jetzt helfen?” Vielleicht wirst Du erst mal etwas vorschlagen müssen, aber Dein Kind wird Dir recht schnell signalisieren, was jetzt tragbar ist. Manchmal hilft es auch, 5 Minuten abzuwarten
  • Eine Umarmung: eine Berührung kann in einigen Situationen mehr bewirken als alle anderen Strategien. Auch, wenn es sich bei einem verärgerten Kleinkind anfühlen mag, als würde man einen kleinen Kaktus umarmen

Übrigens: wenn Dein Kind so tief “drin” steckt, dass Du gar nicht mehr rankommst: das ist ok. Bleib da, bleib präsent, reiche Taschentücher – es wird sich eine Gelegenheit bieten, in Verbindung zu treten.

Die Forschung bestätigt es immer wieder: Es ist kein Zeichen von Schwäche oder falscher Nachsicht, erst auf Beziehung und dann auf Erziehung zu setzen. Es geht darum, eine belastbare Beziehung zu Deinen Kids zu aufzubauen. Eine, die auch in 5, 10 und 15 Jahren noch trägt ❤️

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