Grenzen setzen

“Kinder brauchen Grenzen.” Es gibt wahrscheinlich keinen Satz, den wir Eltern öfter zu hören bekommen als diesen. Egal, ob von den eigenen Eltern, Schwiegereltern, von Erzieher*innen oder befreundeten Eltern. Es scheint so eine geheime Allianz zu dem Thema zu geben.

Es gibt aber auch andere Stimmen. Jesper Juul zum Beispiel. Was er dazu sagt und wie man in größtmöglicher Weichheit Grenzen setzen kann, darum geht es heute in unserem Blog,  Nervennahrung für Eltern in Zeiten von Quarantäne, Corona und Co. 😷 🚸

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Kinder erleben jeden Tag Grenzen. Wir Eltern bestimmen in groben Zügen ihren Tagesablauf – auch wenn wir natürlich im Kleinen eine Welt der Wahlmöglichkeiten anbieten können. Der große Bruder lässt das kleine Geschwisterkind mal mitspielen, mal nicht. Sie dürfen bei Rot nicht über die Straße. Das zerbrochene Kunstwerk lässt sich ohne Heißklebepistole nicht reparieren, aber zu Hause gibt es keine und der Kindergarten ist noch nicht wieder geöffnet. Lauter Beispiele für Grenzen. 
 
Erziehungsexperten unterteilen Grenzen in 3 Kategorien:
 
  • Natürliche Grenzen: die Schwerkraft, zum Beispiel (“Kaputtttt?!”). Die Tatsache, dass wir am Sonntag das Spielwarengeschäft nicht aufschließen können. Dass wir Eltern trotz anderslautender scherzhafter Ankündigungen nicht wirklich zaubern können. Und auch, dass Bügelperlen nicht wieder entschmolzen werden können (zumindest nicht ohne Chemie-Diplom) 🤷🏻‍♀️

  • Soziale oder persönliche Grenzen, die aus der Interaktion von zwei oder mehr Menschen entstehen: die Müdigkeit von uns Eltern, die uns die Lust nimmt, zum 37. Mal eine Geschichte vorzulesen. Die Tatsache, dass andere Kinder manchmal eben nicht teilen möchten und dass kindlicher Lärm dem Bedürfnis nach Ruhe und Erholung entgegensteht. Auch, dass wir anderen Menschen, Tieren und der Natur nicht schaden oder mutwillig das Eigentum anderer zerstören dürfen, lässt soziale Grenzen entstehen 🌿

  • Willkürliche Grenzen: “Ein Drei-/Vier-Fünfjähriger muss xyz selber können (obwohl ich sehe, dass Du es nicht schaffst).” “Ich trage Dich nicht (obwohl ich es könnte).” “Bei uns gibt es keinen Apfelsaft (aber ich trinke ihn heimlich).”

Jesper Juul hat mal gesagt: „Kinder brauchen überhaupt keine Grenzen, in diesem altmodischen Sinne.” Ich glaube, er meinte damit willkürliche Grenzen. Denn er führt weiter aus: “Was Kinder wirklich brauchen, ist Führung von Erwachsenen und Erwachsene, die ihre eigenen Grenzen kennen, ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigenen Werte. Diese abgegrenzten, deutlich definierenden Erwachsenen brauchen Kinder.“
 
Was machen wir jetzt damit? Hier sind unsere 4 Top-Tipps zum Thema Grenzen setzen:
 
  1. Willkürliche oder erfundene Grenzen vermeiden: willkürliche Grenzen sind oft mehr Machtdemonstration: ich bestimme und nicht Du. Schnell werden Dinge gesagt, die beim genaueren Hinhören nicht wirklich haltbar sind. In einer guten Beziehung gibt es keinen Chef: daher willkürliche Grenzen am besten weglassen 🤐. Als Tipp zum Erkennen: würdest Du eine ähnliche Grenze auf Dich oder Deine*n Partner*in oder eine* Freund*in anwenden?

  2. Persönliche Grenzen setzen, ohne die Emotionen an das Kind zu übertragen: unsere Gefühle, die wir bei einer (versuchten) Grenzüberschreitung durch die Kids spüren, sind unsere Verantwortung, nicht die des Kindes. Deshalb gilt: unsere Bedürfnisse und Grenzen dürfen und müssen klar definiert sein. Gleichzeitig können wir sie gegenüber unseren Kindern mit Wertschätzung setzen: “Stop, wir werfen keine Steine auf Menschen. Komm, wir werfen sie auf die Wiese.”

  3. Durch Frustration begleiten: egal, ob es natürlich Grenzen sind, an die ein Kind stößt oder ob die sozialen Grenzen Frustration, Wut oder Traurigkeit hervorrufen. In diesen Momenten können wir Eltern 2 Wege gehen: 1. den Rahmen erweitern, wenn es in unserer Macht steht. Zum Beispiel ein neues Eis kaufen, wenn die Schwerkraft es “aus Versehen” auf den Boden befördert hat. 2. unser Kind durch den emotionalen Strudel hindurch begleiten: “Boah, Du bist ganz schön wütend. Ich verstehe das. Wir hatten vereinbart, dass Du 30 Minuten Fernseh schauen darfst und die sind jetzt um”. Wichtig: wir können die emotionale Reaktion unserer Kinder aushalten, ohne sie zu lösen oder uns zu eigen zu machen

  4. Den Rahmen in der Familie vorab stecken: Dir ist es wichtig, dass die Kids im Haushalt helfen? Es geht Dir auf den Keks, dass Deine beiden Kids jeden Abend das Zubettgehen hinauszögern? Gemeinsam getroffene Vereinbarungen können hier die Lösung sein. Wichtig: diese Grenzen und auch die eventuellen Antworten auf Grenzüberschreitungen werden vorab vereinbart, in Ruhe, im gegenseitigen Einverständnis, z.B. im Rahmen einer Familienkonferenz. Thomas Gordon meint, dass sie ab 3 Jahren möglich sind – einfach ausprobieren

Im Umgang mit Grenzen hilft Konsistenz: Gleiches gleich behandeln. Ungleiches unterschiedlich behandeln. Dazu gehört auch, wahrzunehmen, dass ein todmüdes Kind besser nicht mehr badet. Auch wenn es um die Grenzen der Sauberkeit geht 🧽🛁

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