Werte definieren

“Kinder brauchen Werte.” Wer nach Werten im Erziehungskontext sucht, findet schnell Antworten. Vermeintlich. Denn es geht meistens darum, welche Werte wir Eltern unseren Kindern vermitteln sollen. Wahlweise 5, 10 oder 24.

Mich beschleicht das Gefühl, dass solche Listen zwar nett sind, aber einen ganz schön hohen Anspruch an mich stellen (vor allem die Liste mit den 24! 🤦). Ich kann mich irgendwie nicht mit ihnen verbinden, weil ich sie nicht ausgewählt habe und sie teilweise gar nicht zu meinem Wertekanon gehören.

Warum es als Eltern trotzdem sinnvoll ist, sich mit Werten zu beschäftigen, darum geht es heute in unserem Blog.                                                           

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Die “Findet-eure-Werte-Challenge”:

Die Schwiegereltern haben ein neues Geschenk geschickt. Das eine Elternteil freut sich wie Keks mit den Kindern, das andere würde das Geschenk am liebsten weiter verschenken, denn das Spielzeugregal platzt aus allen Nähten. Vielleicht ein harmloses Beispiel, aber es zeigt, wie unterschiedliche Werte (Dankbarkeit vs. Nachhaltigkeit) sich gegenüberstehen können. Nicht selten können entgegengesetzte Wertvorstellungen zu echten Konflikten unter uns Eltern führen.

Deshalb fordern wir dich zur “Findet-eure-Werte-Challenge” heraus. Braucht ein wenig Zeit, aber die Investition lohnt sich. Es geht hier weniger darum, welche Werte du deinen Kindern vermitteln solltest. Sondern darum, welche Werte euch als Eltern – auch als Alleinerziehende*r – wichtig sind, so dass ihr euch in euren Entscheidungen und in der Erziehung & Beziehung zu euren Kindern danach richtet.

Wie verbringen wir unsere Wochenenden? Dürfen meine Kids ohne Ankündigung ihre Freund*innen mit nach Hause bringen (post-Corona, versteht sich)? Essen wir zusammen oder darf jede*r sich etwas machen, wenn er oder sie Hunger hat? All das sind Fragen, deren Antwort auch durch unsere Werte bestimmt ist. Ok, und manchmal auch einfach nur durch unser Stresslevel 🤷🏻‍♀️.

Es gibt bei Werten übrigens kein Richtig oder Falsch. Es geht darum, sich selbst und das andere Elternteil besser zu verstehen, um Konflikte – dieses Mal unter uns Eltern – zu vermeiden.

 
So geht die “Findet-eure-Werte-Challenge”:
 
  • Jede*r für sich: wenn dir deine Top 3-5 Werte ganz klar sind: super. Wenn nicht: investier ein wenig Zeit in den Prozess, sie zu erforschen, z.B. in der Anleitung von Ein Guter Plan. Es geht dabei nicht darum, solche auszuwählen, die man gerne hätte. Sondern solche, die sich gut und kongruent mit mir als Person anfühlen, im Hier und Jetzt. Nicht mogeln 😇
  • Tauscht euch aus: nehmt euch als Eltern ein wenig Zeit und erzählt euch gegenseitig von euren Werten. Alleinerziehende könnten das z.B. mit Freund*innen oder den eigenen Eltern machen (denn die haben die Werte aller Wahrscheinlichkeit nach mit geprägt 😉). Wichtig: beschreibt, welche Situationen ihr mit den Werten verbindet, aus der eigenen Kindheit, aus der Realität als Familie, aus dem Leben außerhalb
  • Schaut euch die Schnittmenge an: wo habt ihr ähnliche Werte, wo geht ihr auseinander. Spürt nach, was diese Werte mit euch machen in eurer Rolle als Eltern – wo klappt es gut, wo stoßt ihr häufiger aneinander, wo stehen Werte euch vielleicht im Weg in eurer Beziehung zu den Kindern? Es geht hier nicht um Schuld – Werte sind nie richtig oder falsch. Aber wenn es häufiger zu Konflikten kommt, kann es hilfreich sein, die eigenen Werte und Glaubenssätze zu überprüfen. Eigenes Beispiel: Verantwortung. Das ist meinem Mann und mir wichtig, aber in der Kindererziehung leben wir diesen Wert sehr unterschiedlich. Konflikte: vorprogrammiert
  • Macht es konkret: identifiziert Werte in eurer Schnittmenge oder auch außerhalb, die ihr beide als hilfreich für euer Elternleben anseht. Es kann sein, dass es hier ein wenig schwierig wird – und das ist auch ok, denn Werte und Glaubenssätze sind sehr nah an unserem inneren Kern. In diesem Fall empfiehlt sich: eine Pause. Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut 🤔
    Wenn ihr eine Liste von “Eltern”-Werten habt, auf die ihr euch einigen könnt: macht sie konkret. Was bedeuten sie für den Umgang mit den Kids, mit euch gegenseitig. Zum Beispiel Pünktlichkeit: “Uns ist es wichtig, dass wir pünktlich bei Verabredungen sind. Wir Eltern tragen die Verantwortung, dass wir rechtzeitig organisiert sind und genügend Zeit einplanen, damit wir uns als Familie nicht hetzen müssen”
  • Testet eure Werte: ist Pünktlichkeit wirklich so wichtig? Hält der Wert Nachhaltigkeit auch stand, wenn es um die Buchung des nächsten Familienurlaubs geht? Können wir Humor zeigen, wenn unsere Kids Mitte Juni im Faschingskostüm in den Kindergarten wollen? Wenn die Werte dem Realitycheck nicht standhalten: beginnt den Prozess von neuem. Werte können und dürfen sich wandeln

“Ohne einen minimalen Grundkonsens bezüglich bestimmter Werte, Normen und Haltungen ist weder in einer kleineren, noch in einer größeren Gemeinschaft, ein menschenwürdiges Leben möglich.” Sagte Hans Küng, Begründer der Stiftung Weltethos. Und damit meinte er wohl auch – uns Familien.

ZUM WEITERLESEN

Wer Inspiration für die Wertefindung sucht, könnte hier fündig werden: “Panda Mama: Wie man glückliche und selbstbewusste Kinder großzieht” von Esther Wojcicki, legendäre Lehrerin aus dem Silicon Valley. Sie beschreibt darin die Werte, die ihrem Erziehungsstil zugrunde lagen: ⁠Vertrauen, Respekt, Unabhängigkeit, Zusammenarbeit⁠ und Güte.⁠ Das Eigenlob zu ihren drei Töchtern einfach überspringen, wenn’s zu viel wird.

Lieber kürzer? Die ZEIT hat mit Esther Wojcicki letztes Jahr über ihr Buch gesprochen.

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