5 Tipps: Wie reagiere ich wenn Kinder “provozieren”

Kinder wollen kooperieren

“Kinder wollen kooperieren.” So harmlos der Spruch von Jesper Juul daherkommt, in Diskussionen mit anderen Eltern (gerne auch den eigenen oder den Schwiegereltern) sorgt er schnell für Zunder. Denn, let’s face it: das, was unsere Kinder den lieben langen Tag tun, ist auf den ersten Blick nicht immer Kooperation. Wir nehmen ihr Verhalten oft eher als Widerstand, Kampf oder einfach nur Tamtam wahr und das prägt auch unsere Beziehung zu unserem kleinen oder mittelgroßen Wirbelwind. Doch was hilft uns die Sichtweise, dass unsere Kinder mit uns konkurrieren? Was viel mehr hilft, ist der Blick unter die Motorhaube des kindlichen Verhaltens.
 

Ein langer Kindergartentag geht zu Ende

Gestern kamen mir drei kleine leere Batterien im Alter von 5, 5, und 3,5 Jahren entgegen. Wankten nach Kindergartentag und Spielplatzbesuch hinein, schafften es noch, die Hände zu waschen und von da an: Streit, Geschrei, Unzufriedenheit. K2 hatte einen Schluck vom Saft ohne Wasser getrunken, K1 hatte es gesehen und fand es unfair, dass er Schorle trinken sollte. K1 beschloss, gar nichts zu essen, K2 wollte lieber mit den Nachbarjungs spielen gehen und K3 warf mit Teller und Gabel um sich. Dabei war alles vorbereitet. Tisch war gedeckt, Essen stand auf dem Tisch – ich hatte gedacht: heute wird easy-peasy.
 
10 Minuten später saßen wir alle drinnen auf dem Boden, die Kids heulten reihum Rotz und Wasser, ich versuchte, mich auf Einatmen-Ausatmen zu konzentrieren.
 

Wie fühlen wir in diesem Moment

Und hatte zwei Herzen in meiner Brust 💔. Das eine so: “Es kann doch einfach nicht wahr sein! Was habe ich für undankbare Kinder, die wollen mich einfach nur ärgern. Ich habe alles für sie gerichtet, mich auf sie gefreut und das einzige, was sie machen, ist mäkeln und streiten”.
Das andere Herz so: “Krass, die sind ja so müde, das war einfach zu viel heute. Die können nicht mehr. Wissen weder ein noch aus. Wie schaffe ich es bloß, sie einigermaßen friedvoll und integer durch dieses Minenfeld Abendessen und Zubettgehroutine hindurch zu manövrieren?”
 
Am Ende haben wir es irgendwie geschafft. Mit viel Vorlesen, Zähneputzen im Schnelldurchgang – und die Kinder schliefen 45 Minuten vor der normalen Schlafenszeit 💤.
 
Es muss aber nicht immer so dramatisch sein, damit wir Jesper Juuls Satz “Kinder wollen kooperieren” in Frage stellen. Oft reicht schon die Verweigerung des Zähneputzens, das Ausschlagen einer einfachen Bitte, das wiederholte Ziehen an Vorhängen oder Abknipsen von Pflanzenblättern. Den meisten von uns ist dann wohl schon mal der Gedanke gekommen: Die wollen mich doch provozieren!
 

An einem Strang ziehen

Die Forschung sagt allerdings, dass Kinder erst mit ungefähr sechs Jahren anfangen, die Fähigkeit zur (komplexen) Perspektivübernahme zu entwickeln und diese Fähigkeit bis zum 12. Lebensjahr ausreift. Sie sind davor gar nicht fähig, ihr Verhalten in vollem Umfang aus der Erwachsenen-Perspektive zu betrachten, die dadurch ausgelösten Reaktionen vorherzusehen und das Verhalten aktiv provozierend zu gestalten. Ihre Absicht ist es nur, gesehen, beachtet, wahrgenommen zu werden. Ihre Wege, das zu erreichen, sind, nun ja, für uns Eltern eben manchmal nicht so prickelnd 🤷🏻‍♀️.
 
Wenn wir jetzt also wissen, dass uns Kinder unter 12 Jahren nicht absichtlich provozieren können, wie gehen wir dann mit Verhalten um, das uns auf die Palme bringt?
 

Hier sind unsere 5 wichtigsten Tipps:

#1 Setze Dir ein Mantra

Deine Haltung macht einen Unterschied und die kann man besonders gut mit einem Merksatz verankern. “Sie tun es nicht gegen Dich, sie tun es für sich”, könnte so ein Satz sein. Oder “Wenn meine Kinder müde/hungrig/überfordert sind, brauchen sie meine Unterstützung”. Schreib ihn Dir auf, lies und sprich ihn oft vor Dich hin, damit Du ihn in der Stresssituation automatisch abrufen kannst

#2 Regulier Deine Gefühle 🤯 

Du fühlst die Wut in Dir aufsteigen, weil Deine Kids Dich vermeintlich provozieren? Das ist ok. Aber das heißt nicht, dass Du Deine Kids dafür verantwortlichen machen sollst. Sonst lernen sie nämlich: an meinen Gefühle sind andere schuld. Sag lieber: “Boah, mich macht das so wütend, wenn ich sehe, dass Du an den Vorhängen zerrst” und nutze einen unserer 7 Gut-gegen-Wut-Tipps. Wir Eltern müssen uns regulieren, um sinnvoll zu intervenieren

#3 Spiegel ihre Gefühle

Wir alle brauchen Rückkopplung aus unserer Umwelt. Wenn Du Deinen Kids hilfst, ihre Gefühle zu benennen, ist das der erste Schritt, Regulierung der ganz großen Gefühle und einen positiven Umgang damit zu lernen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Sätze wie “Puh, ich habe den Eindruck, ihr seid richtig müde” nicht so gut funktionieren (weil Konsequenz: ins Bett gehen) wie “Mensch, ihr seht grimmig aus – kann es sein, dass ihr richtig genervt seid?”

#4 Schau auf die Bedürfnisse

Hinter unerwünschtem Verhalten steckt meist ein unerfülltes Bedürfnis. Wenn Du das Verhalten Deines Kindes siehst, frag Dich: was braucht Dein Kind jetzt? Ganz dringend Nahrung? Erst mal eine Pause? Oder doch eher Selbstbestimmung – selbst entscheiden nach einem Tag der Fremdbestimmung? Und dann frag Dein Kind “Was brauchst Du?”. Mehr dazu hier

#5 Sei verlässlich

Wenn Dein Kind immer wieder die gleichen Grenzen testet (z.B. auf dem Sofa hüpfen, Schimpfwörter benutzen, Eltern einfach mal so hauen): schau auf Deine Verlässlichkeit. Zeigst Du immer wieder das gleiche Muster oder ist es mal ignorieren, mal sanftes Bitten, mal energische Zurechtweisung? Es hilft, wenn Du ganz klar für Dich hast, wie Du Deinem Kind begegnest – am besten Tag für Tag gleich. Ausnahmen wie der 2. Nachtisch bestätigen übrigens die Regel 😂

Unsere Kinder spiegeln uns. Wenn wir auf ihre starken großen Gefühle und ihr unerwünschtes Verhalten mit noch stärkeren, größeren Gefühlen antworten, wird ein Konflikt schnell laut. Und jetzt halten wir es doch mit Jesper Juul: “Für die Stimmung in der Familie sind allein die Eltern zuständig.” Go rock the boat.
 
 

Zum Weiterlesen zum Thema “Kinder wollen kooperieren”

Selten habe ich Ja! an einen Absatz in einem Elternratgeber geschrieben. Es geht um diesen hier aus dem Buch “So viel Freude, so viel ⁠Wut” von Nora Imlau:
“Wie wir das schaffen, so [geduldig, freundlich, stoisch] zu sein? Indem wir uns klarmachen, dass unser Kind in diesem Moment ein Baby ist. Ein kleines, schutzloses, verzweifeltes Baby. Auch, wenn es vielleicht schon zwölf Jahre als ist: in diesem Moment verfügt es über nicht mehr Selbstregulationsfähigkeit als damals, im Alter von drei Wochen […].”⁠
 
In diesem Buch geht es im Speziellen um gefühlsstarke Kinder, aber auch wenn die eigenen Kids nicht in diese Kategorie fallen, gibt es viele lesenswerte Inspirationen.