Hauen, Treten, Beißen – das hilft, wenn Kinder aggressiv sind

Liebevoller Umgang mit Aggression bei Kindern

“Ist mein Kind (zu) aggressiv?”

An einem der letzten lauen Spätsommerabende habe ich die Frage, ob unsere Kinder wirklich aggressiv sind, mit einer lieben Freundin besprochen. Denn auch im Kindergarten- und Vorschulalter zeigen unsere Kids unliebsames Verhalten wie Beißen, Hauen oder Treten, das oft als aggressiv wahrgenommen wird. Meine Kinder sind da übrigens nicht ausgenommen. Mal passiert es eher im Kindergarten oder der Schule, mal auf dem Spielplatz und bei manchen Kinder eher zu Hause im Umgang mit Geschwistern oder auch uns Eltern. 

Wie gehen wir Eltern am besten damit um, wenn wir mit diesem unerwünschten Verhalten unserer Kids konfrontiert werden? Dazu haben wir heute einen 6-Schritte-Plan für Dich.

Aggressiv wahrgenommenes Verhalten ist unangenehm

Besonders vor anderen Eltern ist es unangenehm, wenn das eigene Kind ein anderes beißt, kratzt oder haut. Und wenngleich sich nicht jedes Kind so verhält, gehen doch sehr viele Kinder, vor allem im Alter von 2-4 Jahren, durch diese Phase. Selbst im Vorschul- und Grundschulalter wird gelegentliches aggressives Verhalten als normal eingestuft. Vielleicht fragst Du Dich: woher kommt das nur, was steckt dahinter 🤷🏻‍♀️?

Ein Modell zur Erklärung von aggressivem Verhalten

Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo hat das Konzept der “Misfit-Konstellation” entwickelt, das eine mögliche Erklärung für die Entstehung von Aggressivität ist. Es geht davon aus, dass in unseren Kindern ein erhebliches Maß an Frustration entsteht, wenn Kompetenzen, wie bspw. soziale, sprachliche, motorische, oder körperliche, noch nicht entsprechend entwickelt sind und Kinder deswegen in der Ausübung von gewünschten Aktivitäten gehindert werden. Ein “Misfit” eben.

Beispiel: Klara hat sehr klare Vorstellungen davon, was sie gerne malen möchte 🎨. Ihre motorischen Fähigkeiten sind jedoch noch nicht so weit, so dass ihre Versuche fehlschlagen und andere Kinder sie deswegen aufziehen. Die Frustration, die entsteht, kann sich in Traurigkeit, Zurückgezogenheit oder eben in Aggressivität entladen – und dann fliegen auch schon mal die Pinsel und Farben durch den Raum 🖌️😡🎨.

Ursachen für aggressives Verhalten

Es gibt natürlich auch andere Ursachen für kindliches Verhalten, das uns aggressiv erscheint:

  • Bedürfnis nach Aufmerksamkeit: wenn dieses Grundbedürfnis unerfüllt ist, tun Kinder unter Umständen viel, um es zu befriedigen. Auch “negative” Aufmerksamkeit wie eine Ermahnung oder Zurechtweisung ist – Aufmerksamkeit
  • Starke Gefühle: Kindern fällt es oft schwer, überwältigende Gefühlen wie Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Scham, Erschöpfung oder Verzweiflung zu regulieren (uns Erwachsenen ja auch 🤔). Treten, Beißen, Hauen etc. ist dann ein Versuch des Umgangs mit diesen Gefühlen
  • Überstimulierung: wenn von außen zu viele Eindrücke auf unsere Kids einprasseln, wie z.B. großer Lärm, viele Menschen, überraschende Helligkeit/Dunkelheit, kann ihnen das zu viel werden. Eine Strategie, damit umzugehen, ist der körperliche Ausdruck dieses Unwohlseins
  • Ursache und Wirkung: “Was würde wohl passieren, wenn…?” Natürlich denkt kein Kind so einen Satz bewusst, aber Kinder sind neugierig. Sie möchten wissen, welche Wirkung ihr Handeln auf die Umwelt und andere Menschen hat und wo sich Grenzen auftun

Auch wenn wir die Ursache für ein gewisses Verhalten nicht kennen, hilft es, zu wissen, wie man damit umgehen kann. Was neben “Keep calm” noch hilft, zeigt Dir unser 6-Schritte-Plan: 🧘

Unsere 6 Tipps für den Umgang mit aggressivem Verhalten bei Kindern

#1 Bei Gefahr eingreifen

Sind andere Personen durch das aggressive Verhalten gefährdet, schnell eingreifen. Geh zu Deinem Kind, bitte es ruhig und bestimmt, aufzuhören und mitzukommen. Du kannst es dabei an den Händen nehmen, umarmen oder zur Not hochheben, sodass es nicht weiter schlagen oder beißen kann.

#2 Gemeinsam zurückziehen

Eine räumliche Trennung schafft Distanz zur Situation und verhindert, dass andere zugucken und sich Dein Kind dadurch vorgeführt und beschämt fühlt. Wichtig: falls ein anderes Kind gehauen oder gebissen wurde, sollte es Unterstützung von jemand anderem erhalten. Wenn das nicht geht, trenne die Streithähne und kümmere Dich als erstes um das vielleicht verletzte andere Kind.

#3 In Kontakt bleiben

Gerade wenn starke Gefühle Dein Kind überrollen und es sich nicht anders zu helfen weiß, braucht es die Sicherheit Deiner Anwesenheit. Dadurch kann es sich selbst beruhigen und regulieren. Bleib bei Deinem Kind, leg ihm oder ihr die Hand auf den Rücken, wenn es das erlaubt und warte, bis es Kontakt zu Dir aufnimmt.

#4 Vorbild sein

Es bringt leider nichts, einem Kind zu sagen, dass es sich entschuldigen soll, denn eine erzwungene Entschuldigung ist kein Ausdruck von Empathie 🙄. Stattdessen kannst Du ein Vorbild sein. Zum Beispiel, indem Du zu dem anderen Kind oder dessen Eltern hingehst und sagst “Das tut sicher sehr weh. Es tut mir leid, dass ich nicht schnell genug da war. Sollen wir ein Kühlpack holen?”

#4 Verbalisieren des aggressiven Verhaltens

Hat sich Dein Kind ein wenig beruhigt, solltest Du das Verhalten mit Deinem Kind besprechen. Du kannst zum Beispiel sagen: “Hauen tut weh. Max weint, weil es ihm wehgetan hat, als Du ihn gehauen hast. Deshalb hauen wir nicht.”

#5 Alternativen finden

Wichtig ist es, mit Deinem Kind zusammen zu überlegen, welche Möglichkeiten euch einfallen, um mit starken Gefühlen besser umzugehen: Mama oder Papa Bescheid sagen und um Hilfe bitten? Im Kindergarten: eine*n Erzieher*in holen? Lieber weggehen als zu schlagen oder zu schubsen? Zu Hause: in ein Kissen boxen? Wenn man sie in einer wertschätzenden Atmosphäre fragt, kommen die meisten Kids auf gute Lösungen.

Wenn die Situation ausgestanden ist

Die Situation ist gelöst, Dein Kind hat sich beruhigt. Dann ist es wichtig, dass Du Dein Augenmerk auf das richtest, was funktioniert. Und das heißt: lobe erwünschtes Verhalten gezielt. Dein Sohn kommt zu Dir und sagt, dass er sehr wütend auf seine Schwester ist? Deine Tochter haut den Sandkastenfreund nicht, obwohl dieser ihm die Schaufel einfach weggenommen hat? Das sind perfekte Gelegenheiten für beschreibendes Lob – und natürlich auch für die gemeinsame Lösungsfindung für die blöde Situation. Dadurch merkt Dein Kind “Ich kann das anders regeln.”

Unterstützung holen erlaubt

Die eigene Familie ist der sichere Rahmen, in dem ein Kind sich ausprobiert. Treten, Hauen oder Kratzen kommen dort meist häufiger vor als im externen Umfeld. Wenn aggressives Verhalten von Kindern als überdurchschnittlich ausgeprägt wahrgenommen wird, kann es Dir helfen, die Ursachen bei der Kinderärztin oder in einem sozialpädiatrischen Zentrum abzuklären. Sich Unterstützung zu holen ist ein Versuch, das eigene Kind besser zu verstehen – und somit eine große Liebeserklärung 🧡.