Aufklärung für Kinder

Aufklärung für Kinder

Der Wissensdurst unserer Kinder ist bemerkenswert. Manche Fragen lassen sich schnell beantworten, andere wiederum stellen für uns Eltern manchmal eine Herausforderung dar. Die Frage, woher denn die Babys kommen oder wozu der Penis da ist, sind solche Fragen. Als Eltern sind wir vielleicht unsicher, wie viel unser Kind versteht und wie sehr wir bei der Aufklärung für Kinder ins Detail gehen sollten. In unserem Magazinbeitrag geht es heute um das spannende und zugleich sensible Thema “Aufklärung für Kinder”. Dafür haben wir uns mit Carsten Müller unterhalten. Carsten Müller, Jahrgang 1981, ist ausgebildeter Sexual- und Paartherapeut. In der von ihm mitbegründeten Praxis für Sexualität in Duisburg begleitet er Menschen und Familien zu allen Fragen rund um das Thema Sexualität und Aufklärung. Als Experte ist er regelmäßig in unterschiedlichen Fernsehformaten zu sehen. Er ist verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter.

Aufklärung bedeutet, Zugang zu Gefühlen finden

“Bei der Aufklärung ist die Herzensbildung besonders wichtig.”

Wenn es um das Thema Aufklärung von Kindern geht, dann sieht Carsten Müller die kindliche Herzensbildung als wichtige Grundlage. Darunter versteht er, dass Kinder einen Zugang zu ihrem Körper und ihren Gefühlen finden sollen und auch lernen, offen darüber zu reden. Wir als Eltern können unsere Kinder darin frühzeitig begleiten und ihnen einen sicheren Rahmen geben.

Wenn wir unser Kind aufklären, dann geht es also nicht nur um die reine Sachaufklärung. Wichtig in dem Zusammenhang ist, dass wir unsere Kinder auch emotional aufklären und darüber sprechen, wie sich etwas anfühlt. Damit werden Gefühle ernst genommen und die Kids erleben, dass sie selbstbestimmt leben dürfen.

Kindliche Aufklärung heißt, Selbstbestimmung lernen

Kindliche Aufklärung sollte immer zum Ziel haben, dass Kinder sexuelle Selbstbestimmung lernen. Und das geht in erster Linie mit Informationen, die unsere Kids von uns Eltern bekommen. Kinder brauchen das Gespräch, sie brauchen eine authentische Rückmeldung zum Thema Sexualität, damit es kein schambehaftetes Thema wird. Wir Eltern können ihnen dabei vertrauensvollen Ansprechpartner sein und ihnen einen offenen und zugleich sozial adäquaten Umgang mit dem Thema beibringen.

So geht Aufklärung für Kinder konkret

1. Entspannt bleiben

Carsten Müller empfiehlt grundsätzlich, entspannt zu bleiben und kein explizites Gespräch über das Thema Sexualität vom Zaun zu brechen. Als Eltern sollten wir achtsam sein und Fragen der Kinder wahrnehmen, aufnehmen und beantworten. Die Fragen zum Thema Sexualität kommen meistens von ganz allein, zum Beispiel, wenn jemand aus dem Familien- oder Freundeskreis oder eine Erzieherin in der Kita ein Baby erwartet. Oder Kinder sehen ihre Eltern nackt, dann kommen interessierte Fragen ganz von selbst.

2. Den natürlichen Zeitpunkt abwarten

Es gibt keinen festen Zeitpunkt, zu dem Eltern mit der sexuellen Aufklärung der Kids beginnen sollten. Carsten Müller rät allerdings, dass ein Kind spätestens dann, wenn es in die Grundschule kommt, auf der Sachebene wissen sollte, wie ein Kind entsteht. Das liegt daran, dass viele andere Kinder es in dem Alter bereits wissen und ein “Wissensgleichstand” mit den Klassenkamerad*innen wichtig ist.

Wenn die Fragen nicht von allein kommen, sind in diesem Zusammenhang Kinderbücher hilfreich, die gemeinsam angeschaut und gelesen werden können. Hierbei ist es wichtig, Körperteile richtig zu benennen und diese Begriffe im Alltag zu gebrauchen z.B. die Vulva oder der Penis. Kinder brauchen keine anderen Namen oder Verniedlichungen – wir sagen ja auch “Arm” und “Ohr” und “Rücken” und denken uns für diese Körperteile selten anderen Wörter aus. Genauso sollten wir es auch mit den Körperteilen im Intimbereich halten. Die intimen Körperteile unmissverständlich zu benennen ist übrigens auch ein Teil von Prävention sexueller Gewalt, weil Kinder sprachfähig werden, um sich so auch körperlich abzugrenzen.

3. Körperliche Rollenspiele zulassen und kindliche Neugierde fördern

Viele Kinder finden den Zugang zu ihrem Körper von selbst. Bei den sogenannten Doktorspielen sollten wir Eltern sie gewähren lassen. Diese seien ein normaler Entwicklungsschritt, sagt Carsten Müller. Es gehört zur Identitätsentwicklung, sich selbst und andere zu entdecken und zu erkunden. Für Kinder ist es ein Spiel, wie jedes andere auch und alle Kinder sollten sich mit dem Spiel wohlfühlen. Falls es Situationen gibt, die wir als Eltern unpassend empfinden, dürfen körperliche Rollenspiele auch beendet werden. Dabei sollten wir nicht schimpfen, sondern eher sachlich reagieren. Zum Beispiel mit dem Satz “So, und jetzt ziehen wir uns alle wieder an”. Wichtig ist, zu wissen, dass kindliche Sexualität keine erwachsene Sexualität ist: Kinder haben keine erotischen Fantasien. Allerdings: Wie andere Spiele brauchen auch körperliche Rollenspiele Regeln. Carsten Müller nennt dafür folgende:

  • Freiwilligkeit,
  • nicht mit Erwachsenen spielen,
  • Hilfe holen ist kein Petzen,
  • Nein ist Nein,
  • nicht verletzen,
  • keine Körperteile irgendwo hineinstecken.
4. Für Selbstbefriedigung Rückzugsmöglichkeiten schaffen

Kinder erleben Selbstwirksamkeit, wenn sie ihren Körper entdecken und zum Beispiel durch Reiben der Genitalien sich selbst Wohlbefinden bereiten können. In den Geschlechtsorganen sind Sinneszellen, die empfindlicher und deutlich schneller zu spüren sind als an anderen Stellen des Körpers. Wie können Eltern am besten damit umgehen? Carsten Müller empfiehlt, Kinder dafür einen Raum zum Rückzug und zur Entspannung zu geben. Dies lässt sich gut über die Verknüpfung von Orten mit Tätigkeiten organisieren: im Wohnzimmer spielen wir, in der Küche kochen wir und im Kinderzimmer darfst du dir schöne Gefühle machen. Handlungsbedarf sieht Carsten Müller beim Drang zur Selbstbefriedigung nur dann, wenn er exzessiv ist und das Kind keine andere Möglichkeit findet, in den Tag zu kommen oder Stress zu bewältigen.

5. Einen Umgang mit der eigenen Nacktheit finden

Papa, wie sieht dein Penis aus?
Um als Eltern einen Umgang mit der eigenen Nacktheit im Familienalltag zu finden, sollten Eltern authentisch bleiben. Jede*r sollte seine Grenzen wahren und auf sich selbst achten. Eltern müssen sich nicht nackt vor den Kindern zeigen, wenn sie das nicht möchten.

Wenn die Kids dich oder deine*n Partner*in regelmäßig nackt sehen, dann kommt natürlich auch kindliche Neugierde auf. Carsten Müller sagt, dass es für Kinder ganz normal sei, unsere Körper anzuschauen und auch anzufassen. Für die Kids ist die Körperlichkeit übrigens kein peinliches Thema. Sie sehen einfach, was ist: einen Bauchnabel, einen Penis, einen Popo, eine Vulva.

Dabei können wir unseren Kindern aber durchaus beibringen, dass wir Grenzen haben, die sie nicht überschreiten sollten. Das gilt auch für die Diskussionen der elterlichen Körperteile in der Öffentlichkeit. Und wenn dein Kind dann doch die elterliche Körperbehaarung mit der Kindergartenfreundin oder dem Nachbarskind diskutiert? Die beste Reaktion wäre eine Portion Humor, denn was wir als schambehaftet sehen, ist für unsere Kinder umso reizvoller. Reden über Sexualität ist ein Lernprozess und das gilt sowohl für uns, als auch für unsere Kinder.

Positive Körpererfahrungen schützen vor Missbrauch

Um Kinder vor Missbrauch und negativen Erfahrungen im sexuellen Kontext zu schützen, setzt Carsten Müller darauf, Kinder positiv zu stärken. So sollten Kinder unbedingt lernen, Ja zu ihrem Körper und zu sich selbst zu sagen. Denn dann können sie auch Nein zu dem sagen, was sie nicht möchten. Das heißt auch, dass Kinder sich nicht küssen lassen müssen und auch keine abendlichen Streicheleinheiten erdulden müssen. Selbst, wenn uns Eltern das vielleicht für einen Moment verletzt.

Carsten Müller rät eher davon ab, Kinderbücher zum Thema Missbrauch anschauen. Bücher zum Thema: “Nein sagen” und “Mein Körper” können hilfreich sein. Sie sollten aber unter dem Punkt gesehen werden, dass immer die Erwachsenen die Verantwortung für eine sexuelle Grenzüberschreitung haben. “Nein sagen” lernen ist richtig und wichtig – aber wenn andere schlimme Dinge tun, dann nie deswegen, weil das Kind nicht laut genug “Nein” gesagt hat.

Aufklärung ist für Kinder ein Thema wie jedes andere auch

“Für die Kinder ist Sexualität kein großes Thema - eher für die Erwachsene, weil wir schon geprägt sind.”

Abschließend können wir also festhalten, dass wir Eltern beim Thema Aufklärung und Sexualität entspannt bleiben und unseren Kindern immer wieder signalisieren sollten, dass wir gemeinsam über Sexualität sprechen können – wie über jedes andere Thema auch.

Dabei ist neben der sachlichen Aufklärung der Zugang zu ihren Gefühlen und Empfindungen genauso wichtig.
Ein herzliches Dankeschön an Carsten Müller für das tolle und anregende Gespräch!

Zum Weiterlesen

Das Kinderbuch von Carsten Müller
Von wegen Bienchen und Blümchen – Aufklärung, Gefühle und Körperwissen – ein Aufklärungsbuch für Kinder zwischen 5 und 7 Jahren

Das Buch für die ganze Familie von Carsten Müller
Sex ist wie Brokkoli nur anders – ein Aufklärungsbuch für die ganze Familie