Wenn Kinder petzen

Kinder petzen

Das kennst du bestimmt auch: Meist ungefragt werden wir Eltern darüber in Kenntnis gesetzt, wer die Gummibärchen unerlaubt aus dem Süßigkeitenvorrat gemopst hat oder wer beim Kartenspielen schummelt. Es gehört zum Alltag mit kleineren Kindern dazu: Kinder petzen.

Petzen hat allerdings keinen guten Ruf und niemand möchte gerne als “Petzliese” gelten. Andererseits möchten wir als Eltern natürlich, dass unsere Kids uns erzählen, wenn jemand etwas gefährliches plant, wenn etwas schlimmes passiert ist oder wenn jemand grundlegende Regeln in der Familie nicht einhält. Das kann schnell zur Zwickmühle für unser Kind werden und deshalb ist es wichtig, dass wir Eltern verstehen, wann und warum Kinder petzen. Dann können wir besser mit ihnen ins Gespräch gehen, wann petzen angemessen ist und wann eher nicht.

 

Was steckt dahinter, wenn Kinder petzen?

Als Kleinkinder lernen Kinder Werte in der Familie kennen und beginnen, sich an grundlegende Regeln im Zusammenleben zu halten (nicht immer, aber immer öfter). Von anderen Kindern erwarten sie das auch. Kinder petzen, wenn sie der Meinung sind, dass sich andere Kinder nicht richtig verhalten. Sie möchten für Gerechtigkeit sorgen und brauchen dafür oft die Unterstützung von uns Erwachsenen.

Amerikanische Forscher*innen haben in einer Studie herausgefunden, dass Kleinkinder eher petzen, wenn der Übeltäter einen Schaden bei jemandem verursacht hat. Das Petzen von Kleinkindern zielt also auf die Durchsetzung von Normen ab und weniger auf den Selbstschutz. Außerdem haben die Forschenden einen Zusammenhang zwischen Petzen und dem Temperament eines Kindes aufzeigen können. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass eher introvertierte Kinder weniger petzen als extrovertierte.

 

Das soziale Umfeld und das Petzen

Ab dem Grundschulalter und im Kontext des Schulalltags petzen Kinder meist weniger. Sie befürchten, dass andere Kinder dadurch sauer werden und ihnen die Freundschaft kündigen. Sie entwickeln ein Bewusstsein dafür, wie sie sich in einer Gruppe von Gleichaltrigen verhalten müssen, um akzeptiert zu werden. Daher lügen sie eher, als andere zu verraten. Auch, weil sie zum Beispiel wissen, dass anderen Kindern dann vielleicht Konsequenzen drohen.

 

Petzen – Ein moralischer Vorgang

Für den Psychologen Jean Piaget ist Petzen ein wesentlicher Bestandteil der kindlichen Moralentwicklung. Kinder lernen, verschiedene Situationen einzuschätzen und abzuwägen. Sie fragen sich, was richtig ist und entscheiden dann, wie sie handeln. Zum Beispiel, ob sie Mama oder Papa verraten, dass der Bruder oder die Schwester heimlich das Spielzeug kaputt gemacht hat oder ob sie sich als Geschwister lieber miteinander verbünden und schweigen. Dieses komplexere Verhalten tritt meist erst ab dem Grundschulalter ein – vorher können Kinder Geheimnisse nämlich kaum für sich behalten.

 

Der Umgang mit Petzen

Wie können wir als Eltern reagieren, wenn unsere Kinder petzen und wie können wir ihnen helfen, Situationen zu überblicken? Das zeigen wird dir mit unseren fünf Tipps:

  1. Erkläre deinem Kind in einer ruhigen Minute, wann und warum Petzen gut ist und wann eher nicht. Du kannst zum Beispiel sagen: “Es ist nicht deine Aufgabe, darauf zu achten, dass deine Geschwister die Regeln einhalten, sondern meine. Wenn jemand etwas Gefährliches macht, dann erzähl es mir auf jeden Fall. Wenn nicht, brauchst du es mir nicht zu sagen!”
  2. Ermutige dein Kind, eigene Lösungen zu finden. Schau genau hin, um was für einen Anlass es sich handelt, wenn dein Kind oft zu dir kommt, um andere zu verpetzen. Bei harmlosen Vorgängen musst du nicht eingreifen. Ermutige dein Kind stattdessen, selbst nach einer Lösung zu suchen: “Versuch’ doch mal, ob du das nicht alleine klären kannst.” Das stärkt sein Selbstvertrauen und hilft gegen Petzen.
  3. Stille das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Wenn Kinder petzen, möchten sie oft Aufmerksamkeit von uns. Verbringe Zeit mit deinem Kind (zum Beispiel im Rahmen der exklusiven Gemeinsamzeit) und fülle seinen Speicher nach Aufmerksamkeit. Petzen, das nur nach Aufmerksamkeit heischt, wird dann schnell eingestellt und die Gemeinsamzeit bietet deinem Kind einen geschützten Raum, über wirklich problematische Situationen zu sprechen.
  4. Nimm die Intention deines Kindes wahr. Als Erwachsene haben wir mehr Erfahrung und können Situationen differenzierter einschätzen als unsere Kinder. Wir sollten nicht vorschnell davon ausgehen, dass Kinder petzen, weil sie eine böse Absicht verfolgen. Bewerte daher nicht dein Kind, sondern das Verhalten bewerten. Sage zum Beispiel neutral “Wir petzen in dieser Familie nicht” statt “Du bist ja so eine kleine Petzliese.”
  5. Lobe dein Kind, wenn es nicht petzt oder angemessen petzt. Wenn dein Kind richtig eingeschätzt hat, ob es etwas erzählen soll oder eher nicht, lobe das Verhalten. Zum Beispiel: “Danke, dass du deine Schwester nicht verpetzt hast. Ich kümmere mich um die Situation.” Du solltest dein Kind auch loben, wenn es in einer angemessenen Situation petzt, zum Beispiel, wenn die Geschwister etwas Gefährliches vorhaben. Mehr zum Thema richtig Loben findest du hier.

Grundsätzlich ist es natürlich gut, wenn unsere Kinder sich uns anvertrauen. Allerdings müssen sie mit der Zeit lernen, einzuschätzen, wann sie unsere Unterstützung wirklich brauchen und wann es angemessen ist, selbst eine Lösung zu finden oder über einige Dinge auch einfach mal hinwegzusehen. Das zu lernen, braucht Übung. 

 

Investiere die Zeit, deinem Kind dieses Einschätzungsvermögen beizubringen und du wirst merken, dass du immer weniger das eigentliche Petzen regulieren musst. Du unterstützt dein Kind in der Persönlichkeitsbildung und in der Sozialisation mit Gleichaltrigen. Wir ziehen ja schließlich keine Kinder groß, sondern Erwachsene.

Entdecke jetzt unseren brandneuen Audiokurs gegen Mental Load!

Wir zeigen dir den Weg aus der Dauerbelastung im Familienalltag.